EINE REISE IN DIE VERGANGENHEIT VÖHRINGENS

Vom einstigen Dorf zur blühenden Stadt

  • städtische Mitteilungen

Vöhringens Stadtarchivarin Monika Kolb nimmt uns in den kommenden Monaten mit auf eine kurzweilige und zugleich spannende Zeitreise in die Geschichte Vöhringens und seiner heutigen Stadtteile Illerberg, Thal und Illerzell.

Den Auftakt dieser neuen, spannenden Lesereihe bildet die Geschichte um den im Volksmund immer noch als „Adler-Gebäude“ bekannten und architektonisch prächtig gestalteten Bau zwischen Vöhringer Kulturzentrum und dem Vöhringer Rathaus im Herzen der Stadt.

Faktenreich und unterhaltsam wirft Monika Kolb dabei einen Blick auf das frühere Leben im ehemals „größten Dorf Schwabens“, das am 25. Juni 1977 zur Stadt erhoben wurde.

 

Stadtarchivarin Monika Kolb
„ein Glücksfall für Vöhringen“

Die studierte Politologin und empirische Kulturwissenschaftlerin Monika Kolb M.A. wurde in Heilbronn geboren. Sie war seit 1991 im Kreisarchiv des Landkreises Schwäbisch Hall, dessen Leitung sie 2004 übernahm, beschäftigt. Als Kreisarchivarin war sie für die Sicherung der historischen Überlieferung des Landkreises Schwäbisch Hall sowie für die Betreuung der zahlreichen Gemeindearchive zuständig. Seit Juli 2019 trägt sie für das Stadtarchiv Vöhringen die Verantwortung. Monika Kolb hat bis heute zahlreiche Aufsätze und Beiträge zu historischen Themen verfasst und an vielen Ortsgeschichten mitgeschrieben. Daneben engagiert sie sich in mehreren Geschichtsvereinen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Wolfgang Ott, dem ehemaligen Museumsleiter und Stadtarchivar in der Vöhringer Patenstadt Weißenhorn und derzeitigem Kreisheimatpfleger für den Landkreis Günzburg, ist sie unablässig in Sachen Geschichtsforschung aktiv.

 

Für die Stadt Vöhringen ist Monika Kolb – ohne Übertreibung – ein Glücksfall“, lobt Bürgermeister Michael Neher die Qualitäten dieser für die Geschichtswahrung der Stadt Vöhringen so wichtigen Mitarbeiterin.

 

Das Gedächtnis der Stadt Vöhringen

Nach der vom Stadtrat am 1. Oktober 2011 verabschiedeten Archivsatzung umfasst die Archivierung die Aufgabe, das Archivgut zu erfassen, zu übernehmen, auf Dauer zu verwahren und zu sichern, zu erhalten, zu erschließen, nutzbar zu machen und auszuwerten.

 

Archivbestände

Den Grundstock des Stadtarchivs Vöhringen bildet die schriftliche Überlieferung der bis zur Gemeindereform ehemals drei selbstständigen Gemeinden Illerberg/Thal, Illerzell und Vöhringen.

 

Die Überlieferung setzt in der Regel Anfang des 19. Jahrhunderts ein, für Illerberg liegen Weidebriefe aus dem 16. Jahrhundert vor und die Rechnungen von Vöhringen reichen bis in das Ende des 18. Jahrhunderts zurück. Diverse Sammlungen, u. a. Fotos, Karten und Zeitungen sowie private Nachlässe ergänzen die amtlichen Bestände.

Im Juli 2019 wurde mit dem Umzug des Stadtarchivs vom Rathaus in die Marienstraße 4 begonnen. Heute lagern hier nun alle für die laufende Verwaltung nicht mehr benötigten Unterlagen. Diese Unterlagen werden zurzeit durch Monika Kolb im Rahmen der Archivordnung bewertet und die archivwürdigen Teile übernommen, der Rest wird "kassiert", das heißt vernichtet.

 

Im Zuge der Schadensprävention haben konservatorische Maßnahmen zur materiellen Sicherung des Archivgutes einen hohen Stellenwert. So werden im Rahmen der Archivordnung auch alle materialschädigenden Substanzen, wie Metall, Folie, Klebestreifen, Verpackungen etc., entfernt und zum Schutz vor äußeren Schäden in säurefreie, archivtaugliche Kartons verpackt. Die wichtigste Maßnahme zur Erhaltung ist die Lagerung und der sorgfältige Umgang mit dem geordneten Archivgut. Mit der Unterbringung in der Marienstraße 4 ist nun der Schutz vor Feuchtigkeit, Schädlingen, Diebstahl und anderen schädlichen Umwelteinflüssen gewährleistet.



DAS ADLER-GEBÄUDE IM WANDEL DER ZEIT

Von einer Gaststätte mit Metzgerei zur kulturellen Heimat

Das heutige „Adler-Gebäude“, wie es mittlerweile im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet wird, wurde im Jahr 1913 von Brauereibesitzer Jakob Lepple in der Wannengasse 19 erbaut. Es war früher im gesamten Illertal bekannt und schon immer eine beliebte Örtlichkeit für Feste und Feiern.

Geplant hatte den Neubau der Münchner Architekt Franz Xaver Huf (* 1878; † 1973), ein Vertreter der sogenannten „Heimatkunstbewegung“ und von Juli 1907 bis November 1909 Kompagnon des Münchner Architekten Franz Zell, Mitbegründer des „Bayerischen Vereins für Volkskunst und Volkskunde“. Beide fertigten die Pläne für den 1908 eingeweihten Friedhof in der Ulmer Straße. Von Franz Xaver Huf stammen auch die Pläne für den im Herbst 1914 vollendeten Schulhausneubau in Illerzell. Von Franz Zell wiederum stammen die Pläne für die Pfarrkirche St. Michael – ebenfalls ein Meisterwerk der Heimatkunstbewegung – und die der 1975 abgebrochenen „Gsöllschule“.

 

Der Gasthof „Zum Schwarzen Adler“ bildete mit dem im Jahre 1912 gleichfalls von Franz Xaver Huf geplanten Saalbau ein stimmiges Ensemble.

Erster Pächter des Gasthofs war der Gastwirt und Metzger Simon Bucher, der ihn zusammen mit einer Metzgerei bis 1920 betrieb. Am 21. Oktober 1920 erwarb die damalige Gemeinde Vöhringen „den neugebauten Gasthof ‚zum schwarzen Adler‘, der auch noch anderen öffentlichen Zwecken nutzbar gemacht werden sollte“, von Jakob Lepple zum Preis von damals 175.000 Mark.

Zum einen sollte der Weiterbetrieb des Gasthauses, was von Seiten der Gemeinde auch als Bedürfnis erachtet wurde, gewährleistet bleiben, zum anderen eröffnete noch im gleichen Monat im Nebenzimmer des Erdgeschosses – zunächst provisorisch – die erste Apotheke Vöhringens. Im gleichen Zuge wurde das erste Obergeschoss des Gebäudes ganz offiziell als Gemeindekanzlei genutzt.

1921 bezog der Apotheker Max Kapraun Räume im Erdgeschoss und eine Wohnung im zweiten Obergeschoss. Nachdem er 1926 ein eigenes Wohn- und Geschäftshaus erbaut hatte, verkaufte die Gemeinde Vöhringen den „Schwarzen Adler“ am 8. September 1927 für 68.000 Goldmark an Gotthard Zinsler. Die Gemeindekanzlei wurde in einen Schulsaal verlegt. Die Wirtshauslokalitäten selbst, einschließlich der Metzgerei, wurden verpachtet.

 

1945 war das amerikanische Hauptquartier im „Schwarzen Adler“ untergebracht, danach diente der Saalbau vorübergehend der Unterbringung der zahlreichen Flüchtlinge und Heimatvertriebenen.

Durch den Pächter Hans Leitner senior wurde 1971 im 1. Obergeschoss eine Kegelbahn eingebaut, der Saalbau diente zuletzt der Herstellung und dem Handel mit Tiefkühlkost. Häufiger Pächterwechsel und Mieterwechsel bezüglich der Wohnräume hatten dem Gebäude im Laufe der Jahrzehnte stark zugesetzt.

Schließlich erwarb die Stadt Vöhringen im Jahr 1979 erneut den „Adler“. Jahrelang hatte die Gaststätte noch den türkischen Einwohnern als Gebetsraum gedient. Ende 1989 beantragte die Stadt Vöhringen schließlich die „Sanierung und Erweiterung Gaststätte ‚Schwarzer Adler‘ zu einer kulturellen Begegnungsstätte ‚Wolfgang-Eychmüller-Haus´“.


Quelle:
Beschlussbücher des Gemeindeausschusses 1911-1919 und 1920-1923, Stadtarchiv Vöhringen.
Literatur:
Bilder und Miniaturen einer jungen Stadt. Text von Reinhard H. Seitz. Mit Beiträgen von Anton H. Konrad und Fotos von Joachim Feist, Weißenhorn 2002.
Buch im City-Shop der Stadt Vöhringen erhältlich.



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Foto 1:
Vöhringens Stadtarchivarin Monika Kolb, Politologin und empirische Kulturwissenschaftlerin M.A., bei der Archivarbeit.

Foto 2:
Gasthof und Metzgerei Zum Schwarzen Adler - Historische Aufnahme (Postkarte)

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